Was ist ein Tapping-Solo?

Stellen Sie sich vor, Sie hören ein Gitarrensolo, das wie ein Wasserfall aus Noten klingt – schnell, fließend und fast unmöglich zu glauben, dass nur eine Person das mit einem Instrument hinbekommt. Genau das ist die Magie eines Tapping-Solos. Diese Technik, bei der beide Hände aktiv auf dem Griffbrett arbeiten, hat die Gitarrenwelt revolutioniert und ermöglicht Solos, die an Klaviervirtuosen oder sogar Orchestersuiten erinnern. Ob Sie Anfänger sind oder schon ein paar Akkorde unter den Fingern haben: Ein Tapping-Solo ist nicht nur beeindruckend, sondern auch eine tolle Möglichkeit, Ihre Geschicklichkeit zu steigern. In diesem Beitrag tauchen wir tief in die Welt des Tapping ein – von den Anfängen bis hin zu praktischen Tipps, wie Sie selbst loslegen können.

Grundlagen der Hybrid Picking Technik

Die Geschichte des Tapping-Solos: Von Klassik bis Rock

Die Wurzeln des Tapping reichen weiter zurück, als Sie vielleicht denken. Schon im 19. Jahrhundert nutzte der legendäre Geiger Niccolò Paganini eine ähnliche Methode auf seiner Violine, indem er Noten direkt auf dem Griffbrett mit dem Bogen anschlug – eine Vorläuferin des modernen Tappings. Etwa 150 Jahre später übertrug der Gitarrist Steve Vai diese Idee auf die E-Gitarre und interpretierte Paganinis Licks mit Tapping, was die Technik in die Rock- und Metal-Szene katapultierte.

In den 1960er Jahren drang Tapping in den Rock ein, dank Pionieren wie Harvey Mandel von Canned Heat. Mandel demonstrierte die Technik live, und Zuschauer wie George Lynch und sogar Eddie Van Halen waren dabei – ein Moment, der die Szene verändern sollte. Doch der Durchbruch kam 1978 mit Van Halens Debütalbum und dem Instrumentalstück „Eruption“. Hier verwendete Van Halen Triolen in atemberaubender Geschwindigkeit: Seine linke Hand hammerte und zog Noten, während die rechte Hand mit dem Zeige- oder Mittelfinger auf höhere Bünde tippte und sie mit einem leichten Flicken zum Klingen brachte. Das Ergebnis? Ein Solo, das die Gitarre wie ein Keyboard klingen ließ und Tapping zum Markenzeichen des Shreddings machte.

Seitdem hat sich Tapping diversifiziert. Im Jazz revolutionierte Stanley Jordan es, indem er die Gitarre wie ein Piano behandelte und komplexe Akkorde mit beiden Händen spielte – denken Sie an seine Coverversion von „Eleanor Rigby“ der Beatles. Bassisten wie Tony Levin (King Crimson) und Victor Wooten erweiterten es auf den Bass, oft mit dem Chapman Stick, um Basslinien, Akkorde und Melodien gleichzeitig zu erzeugen. Heute ist Tapping in Genres von Prog-Rock (John Myung von Dream Theater) bis Akustik (Andy McKee) allgegenwärtig und inspiriert Generationen von Musikern.

Die Technik hinter dem Tapping-Solo: So funktioniert es

Bei einem Tapping-Solo geht es um Koordination: Beide Hände arbeiten synchron, um Noten ohne Plektrum zu erzeugen. Im Kern basiert es auf Hammer-Ons (Schlagen einer Note auf einen Bund) und Pull-Offs (Ziehen einer Note ab), ergänzt durch das „Tippen“ mit der Schlaghand.

Grundprinzipien

  • Linke Hand (Fretting Hand): Hält die unteren Noten fest und wechselt zwischen Hammer-On und Pull-Off, um einen Fluss von Tönen zu erzeugen.
  • Rechte Hand (Picking Hand): Tippt mit einem oder mehreren Fingern (meist Zeige- oder Mittelfinger) auf höhere Bünde. Der Tipp muss präzise sein – hart genug, um die Saite zum Schwingen zu bringen, aber kontrolliert, damit die Note klar klingt.
  • Legato-Effekt: Im Gegensatz zum klassischen Picking erzeugt Tapping einen glatten, verbundenen Klang, da keine separate Anschlagshand benötigt wird.

Eine Variante ist das Lineare Tapping, entwickelt von Greg Howe: Hier spielt die linke Hand zwei von drei Noten pro Saite, während die rechte die dritte tippt. Das ermöglicht ultraschnelle Läufe mit einheitlichem Volumen und Rhythmus – ideal für Drei-Noten-pro-Saite-Skalen. Eine weitere Erweiterung sind Harmonics-Tappings, wie Van Halen sie in „Women in Love…“ einsetzte: Die linke Hand hält eine Note, die rechte tippt eine Oktave höher direkt auf den Bund, um natürliche Obertöne zu erzeugen, die klavierartig klingen.

Der Clou? Alles ohne Plektrum – die Saiten vibrieren durch die Berührung der Finger. Das erfordert Übung in der Haltung: Halten Sie die Gitarre entspannt, Ellenbogen nah am Körper, und achten Sie auf einen lockeren Handgelenkswinkel, um Verletzungen zu vermeiden.

Berühmte Tapping-Solos: Inspiration aus der Praxis

Kein Tapping-Artikel ohne Ikonen! Hier sind einige Meilensteine, die Sie anhören sollten:

  • Eddie Van Halen – „Eruption“ (1978): Das Ur-Tapping-Solo. Triolen in E-Moll, die von langsam aufbauen und explodieren. Es zeigte der Welt, dass Gitarre mehr als Blues-Licks sein kann.
  • Stanley Jordan – „Eleanor Rigby“ (1985): Jazz-Pur. Jordan tappt Akkorde und Melodie simultan – ein Solo, das die Gitarre in ein Orchester verwandelt.
  • Steve Vai – „For the Love of God“ (1990): Emotion pur. Vai mischt Tapping mit Bends und Whammy-Bar, für ein wehmütiges, shreddendes Solo.
  • Joe Satriani – „Midnight“ (Live): Präzise und melodisch, mit Tapping-Abschnitten, die wie ein Traum klingen.
  • Victor Wooten – Bass-Solo (Live): Zeigt, dass Tapping nicht gitarrenexklusiv ist – funkig und komplex auf dem Bass.

Diese Solos sind nicht nur technisch, sondern emotional: Sie erzählen Geschichten durch Geschwindigkeit und Dynamik.

So lernen Sie Tapping-Solos: Schritt-für-Schritt-Anleitung

Bereit, selbst zu starten? Tapping ist lernbar, aber Geduld ist Schlüssel. Beginnen Sie langsam – Tempo ist zweitrangig.

Für Anfänger: Erste Schritte

  1. Haltung einüben: Setzen Sie sich mit der Gitarre auf dem rechten Bein (für Rechtshänder). Linke Hand locker um den Hals, rechte Hand über dem Steg schwebend.
  2. Einfaches Tapping: Legen Sie den Zeigefinger der linken Hand auf den 5. Bund der E-Saite (A-Note). Tippen Sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den 12. Bund (E-Note). Ziehen Sie dann mit der linken Hand ab – Sie hören zwei Noten pro Anschlag.
  3. Rhythmus hinzufügen: Zählen Sie „1-2-3“ und tippen Sie Triolen: Linke Hand auf Bund 5, rechte auf 8, linke Pull-Off.

Fortgeschrittene Übungen

  • Lineare Läufe: Üben Sie Drei-Noten-Skalen in A-Moll. Linke Hand: Bund 5-7, rechte Tipp auf Bund 8. Steigern Sie das Tempo mit einem Metronom von 60 BPM auf 120.
  • Mehrfingriges Tapping: Nutzen Sie Mittelfinger der rechten Hand für höhere Noten, um chromatische Läufe zu bauen.
  • Songs zum Mitspielen: Starten Sie mit vereinfachten Versionen von „Eruption“ oder Satrianis „Surfing with the Alien“-Riffs.

Tipp: Verwenden Sie einen Amp mit leichtem Overdrive für besseren Sustain – saubere Töne helfen anfangs nicht viel.

Vorteile und Herausforderungen eines Tapping-Solos

Warum Tapping lernen? Es erweitert Ihren Horizont: Schnellere Solos, neue Klangfarben und bessere Koordination. Viele Shredder schwören darauf, da es die rechte Hand trainiert und zu keyboard-ähnlicher Präzision führt. Nachteile? Es kann monoton wirken, wenn übertrieben, und erfordert starke Finger – Pausen sind essenziell, um Sehnenscheidenentzündungen vorzubeugen.

In der Moderne inspiriert Tapping sogar Hybriden: Kombinieren Sie es mit Slap-Techniken für Bass-Gitarren oder Percussion-Elementen in der Akustik, wie Andy McKee es tut.

Ein Tapping-Solo ist mehr als eine Technik – es ist eine Einladung, die Gitarre neu zu erleben. Von Van Halens Revolution bis zu den jazzigen Improvisationen Jordans: Diese Methode macht aus Ihrem Instrument ein Werkzeug für endlose Kreativität. Probieren Sie es aus, hören Sie ikonische Tracks und teilen Sie Ihre Fortschritte in den Kommentaren. Welches Tapping-Solo inspiriert Sie am meisten? Lassen Sie uns die Shredding-Community auf gitarre101.com aufbauen!

Quellen

  • Gitarre 101

    Gitarre 101 ist ein redaktionell geführtes Gitarrenprojekt mit langjähriger Erfahrung in Musikpädagogik und Gitarrentechnik. Unser Ziel ist es, Gitarristen aller Erfahrungsstufen mit fundiertem Fachwissen, praxisorientierten Anleitungen und vertrauenswürdigen Informationen zu unterstützen. Wir analysieren Techniken, Equipment und Musiktheorie auf verständliche Weise – immer mit dem Anspruch, qualitativ hochwertige Inhalte zu liefern.

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